Montag, 5. September 2011

Ein Gastbeitrag

Versprechen muss man halten. Ein kurzer Twitter-Dialog mit @stefan2494 führte zu diesem Versprechen: "Schreib einen Beitrag deiner Wahl, ich stelle ihn als Gastbeitrag auf meinen Blog." Wie es sich gehört, wurde natürlich ein Beitrag ausgesucht, dessen Meinung ich als jemand, der sowohl den NATO-Einsatz in Libyen unterstützt wie auch darüber nachdenkt, ob in Syrien interveniert werden sollte, nicht teile. Aber versprochen ist versprochen und soll zur Diskussion führen. Hier der Beitrag von www.kiwini.at:

Libyen ist anders.

Ägypten war anders. In Ägypten gab’s Demonstrationen, großteils friedlich (von Seiten der Demonstranten), und Mubarak sah ein, dass er gehen musste. Er ging. Es wird sich zeigen, wie das neue Ägypten zurechtkommen wird.
Libyen ist anders.
Bei den folgenden Aussagen berufe ich mich auf den Onkel eines Kollegen, der als Geschäftsmann öfters nach Libyen reiste, und auf einen Kollegen, der vor einigen Jahren selbst dort war, und auf Wikipedia.
Mit einem Human Development Index von 0,755 ist das Land laut den Vereinten Nationen der höchstentwickelte Staat des afrikanischen Kontinents.
Libyen hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen des afrikanischen Kontinents. Die Sozialversicherung der Einwohner umfasst die kostenlose medizinische Versorgung sowie Witwen-, Waisen- und Altersrenten. Allgemeine Schulpflicht bei kostenlosem Unterricht besteht für Sechs- bis Fünfzehnjährige.
Meine Quellen konnten diese Angaben bestätigen, außerdem erfuhr ich, dass beispielsweise Tripolis eine typische, entwickelte mediterrane Stadt ist, wo außer zahlreichen Plakaten Gaddafis alles normal schien.
Versteht mich nicht falsch. Natürlich ist Gaddafi ein Psychopath und ich möchte ihn nicht als mein Staatsoberhaupt. Dennoch lassen diese Fakten darauf schließen, dass es den (meisten) Libyern nicht schlecht ging.
Anfang 2011 brach der sog. Arabische Frühling aus. Auch in Libyen ging es rund, hier gingen die Rebellen jedoch mit Waffengewalt vor. Nun (21:18 Uhr MESZ am 23. August 2011) sieht es aus, als seien Gaddafis Tage gezählt.
Was nun?
Auch das (meiner Meinung nach) absolut unnötige Eingreifen der NATO hat die Lage verschlimmert. In Libyen wird ab sofort ein Machtvakuum herrschen, in dem sich Rebellen mit untereinander unterschiedlichen Meinungen, Radikale, Liberale, Personen aus dem Einflussgebiet der NATO und auch noch Gaddafi-Treue tümmeln. Wie soll es da weiter nach vorne gehen?
Man muss sich auch fragen, ob Libyen überhaupt bereit für eine Demokratie ist – wahrscheinlich (noch) nicht. Und anstatt einer wackeligen Babydemokratie, wie wir sie im Irak finden, wäre es doch wohl anständiger gewesen, noch ein paar Jahre abzuwarten. Der allgemeine Trend der heutigen Welt ist sowieso in Richtung Demokratie, und ein einigen Jahren wäre sicher auch Libyen liberale geworden, und zwar ohne das Blutvergießen dieses Bürgerkrieges. Wenn sie Pech haben, werden sie jetzt auch noch von der NATO ausgebeutet (Stichwort Öl) – ganz Unrecht hatte der Gaddafi mit seinem „drohenden Imperialismus“ nicht.


(ACHTUNG: Ich verurteile ausdrücklich alle Handlungen des Gaddafi-Regimes und unterstüzte die Freiheitsbestrebungen der Bürger der arabischen Welt. Trotzdem sollte man über das Wann und Wie nachdenken.)

Gebis Kommentar: Als Anregung zur Diskussion, und als Begründung dafür, warum ich mit dem Blogbeitrag von Stefan nicht einverstanden bin: Ist "Demokratie" ein Bewegungsgesetz, das sowieso passiert? Gibt es einen Automatismus zur Demokratie? Ich denke nicht, Demokratie muss auch erstritten werden. Und gegen ein gewalttätiges Regime kann sie auch gewalttätig erstritten werden. Die Geschäfte des Westens mit Gaddaffi hatten erst so richtig begonnen. Umso erstaunlicher, dass sich der Westen dieses Mal gegen den Diktator gestellt hat. Ob es auch auf der Seite der Richtigen steht, das wird sich erst zeigen.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

"Der allgemeine Trend der heutigen Welt ist sowieso in Richtung Demokratie, und ein einigen Jahren wäre sicher auch Libyen liberale geworden, und zwar ohne das Blutvergießen dieses Bürgerkrieges."

Ich kann absolut nicht nachvollziehen woran dieser Trend erkennbar sein sollte und welche Beispiele dafür genannt werden könnten - explizit ausgenommen alles was seit Ende 2010 passiert ist; das ist ja anders und zählt in diesem Fall nicht, wenn ich den Artikel richtig verstanden hab.

Interessanter Gedankenanstoß mit einem schalen Fazit. Libyen war schon in Ordnung, wenn halt der Gaddafi nicht wär - oder wie?

Natürlich soll die NATO niemanden ausbeuten; das spricht allerdings nicht dagegen, den Menschen in Staaten wie Libyen die Chance auf eine selbstgesteuerte, selbstgewählte Demokratie zu lassen bzw. auch dabei zu helfen.

stefan2494 hat gesagt…

@Johannes

Glaubst du, dass die Menschen in Libyen _jetzt_ eine Chance auf eine selbstgesteuerte Demokratie haben? Zuerst müssen sie die humanitären Missstände unter kontrolle bringen, danach wird mMn die Zeit des großen Machtvakuums beginnen....ich befürchte halt, dass es so enden wird wie im Irak.

Anonym hat gesagt…

also i find den gastbeitrag gut. bruno kreisky hat in 70ger jahren! libyens modernität gelobt.
gaddaffi musste weg, 1. weil er in den letzten jahren - sagen wir es vorsichtig - immer seltsamer wurde und weil vor allem die verschuldeten westmächte das reiche libyen zum ausbeuten brauchen.
35% der erdölförderung hat sich frankreich vertraglich für sein lobbing, gaddaffi zu eliminieren, gesichert.
es wird halt jetzt eine sanfte kalonnisierung erfolgen in der art, dass eine westliche marionette gaddaffis platz einnehmen wird.
besser wirds für die libyer nicht unbedingt. der putsch wurde gezielt von den weststaaten gesteuert - die nato schoss im wahrsten sinne des wortes die rebellen, die gegen gaddaffi völlig chancenlos waren, an die macht.
vielleicht auch um den sturz husni mubaracks, der eigentlich für den westen fatal ist, etwas zu egalisieren. weil geht es nach den arabischen staaten, stünde es schlecht um israel. also wird man neben der türkei einen weiteren west-stützpunkt, libyen, forcieren.

auch ich bin für gaddaffis abgang, weil er die letzten jahre wirklich immer komischer wurde. aber würde jeder staatschef, der morden lässt, eliminiert, gäbe es auch keinen obama. das ist in aller deutlichkeit zu sagen.

für die arabische mentalität waren die alten nordafrikanischen tyrannen für europa ein glücksfall - ebenso übrigens wie saddam hussein. die machten die länder total berechenbar. kommen jetzt religiöse fundis, dann gute nacht.
weil eines muss man sagen - die alte garde feilschte immerhin mit den westen wie auf einem baszar. gefährlich wirds, wenn nicht mehr geredet wird oder der glaube herhalten muss - das war bei den genannten nie der fall.
also ich bin eindeutig für eine demokratisierung - um mich nicht falsch zu verstehen - aber absolut gegen das hinaufschießen ungeeigneter revolutionäre zulasten der alten tyrannen. gaddaffi ginge sicher auch friedlich - zumindest seine familie.
und wenn er wirklich riesenvorräte an senfgas hat (wie es heißt) und das trotz seines sturzes nicht einsetzt ist er gegen die westmächte geradezu human.

Anonym hat gesagt…

diesen Gastbeitrag kann ich nicht wirklich nachvollziehen
Ägypten anders??
es ist wohl eher so dass Libyen anders ist
In Ägypten und in Tunesien ging es um Grundbedürfnisse - also ausreichend Nahrung für Alle usw. ...
In Libyen ging es darum einen wahnsinnigen Diktator aus dem Amt zu jagen
außerdem verstehe ich nicht dass ein Indikator, der durch das hohe Einkommen (durch das Öl) in Libyen verzerrt ist (den HDI) dazu hergenommen wird diese Diktatur zu rechtfertigen
dass es neue Indikatoren braucht ist dabei unbestritten - siehe http://www.stiglitz-sen-fitoussi.fr/en/index.htm

Anonym hat gesagt…

Wo sind die Haftbefehle gegen Obama, Sarkozy, Cameron und Co.?
Nachdem Statut der Nürnberger Prozesse gehörten diese Herrschaften an den Galgen....