Freitag, 9. Oktober 2015

Ausgangssperre

"Die türkischen Sicherheitskräfte haben in Cizre eine Ausgangssperre verhängt, es kam zu mehreren Toten." Viel mehr wusste ich nicht, als ich zugesagt habe, an einer Delegation europäischer ParlamentarierInnen teilzunehmen um mir selbst ein Bild von der derzeitigen Lage in der Südosttürkei vor den türkischen Wahlen zu machen.

Ich bin weit davon entfernt, ein vollständiges oder auch nur halbwegs ausgewogenes Bild der Situation wiedergeben zu können. Ich kann nur einige meiner Eindrücke schildern und hoffen, dadurch Aufmerksamkeit auf eine Region an der syrischen Grenze und auf die Hoffnungen, Wünsche und Ängste der Menschen dort zu richten.

Organisiert vom Friedensblock Istanbul bestand unsere Delegation schlussendlich aus österreichischen Grünen MandatarInnen - Berivan Aslan, Mesut Onay und mir, deutschen Bundestagsabgeordneten, einer niederländischen Parlamentsabgeordneten sowie Journalisten, einigen NGO-VertreterInnen aus Deutschland sowie dem türkischen HDP-Abgeordneten Levent Tüzel und weiteren türkischen BegleiterInnen. Unser Ziel war Cizre. Angekommen am Flughafen in Mardin hieß es: Ausgangssperre in Nusaybin - ob wir bereit wären, dort hin zu fahren. Wir waren bereit.

 


Vor Nusaybin, einen Steinwurf von der syrischen Grenze entfernt hielten uns türkische Sicherheitskräfte auf und wollten verhindern, dass wir weiterfahren. Nach längeren Gesprächen mit den Militärs und vermittelnden HDP-Abgeordneten konnten wir über Feldwege die Straßensperre umfahren.

An der Stadtgrenze vor Nusaybin war dann aber wirklich Schluss und wir konnten nicht mehr weiter. Über die Stadt war eine Ausgangssperre verhängt worden, von der niemand wusste wie viele Tage sie dauern wird. Ausgangssperre bedeutet dort: 24 Stunden am Tag darf niemand seinen Kopf aus der Tür stecken, sonst wird scharf geschossen.

Eine große Menschenmenge wartete an der Stadtgrenze von Nusaybin in Angst und Sorge um die BewohnerInnen. Als wir ankamen brachen sie in Jubel aus und wir konnten einige Reden halten, ebenso wie dort Wartende in Ansprachen ihre Situation erklärten.
An der Stadtgrenze von Nusaybin sollte ursprünglich für uns Schluss sein. Durch intensive Gespräche konnte aber erreicht werden, dass wir mit Polizeieskorte durch Nusaybin durchfahren durften. Dabei war zu sehen, wie an jeder Straßenecke schwer bewaffnete Sicherheitskräfte standen. Ansonsten wirkte die 160.000 EinwohnerInnen-Stadt wie ausgestorben.


Von den BewohnerInnen wurden nach der 15tägigen Ausgangssperre Straßenblockaden errichtet. Dort ist man fest entschlossen, keine türkischen Sicherheitskräfte mehr in die Stadt zu lassen.

An beinahe allen Häusern war zu sehen, dass die Wassertanks zerschossen waren. Was eine  zweiwöchige Ausgangssperre ohne Möglichkeit, das Haus zu verlassen bedeutet, wenn kein Wasser mehr vorhanden ist mag man sich gar nicht ausmalen.

Hauswände wurden nach Ende der Ausgangssperre mit dem Wunsch nach Frieden verziert. Ein deutliches Beispiel für ungebrochenen Widerstandswillen und die feste Absicht, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Die abgesetzte Bürgermeisterin von Cizre erklärt uns die Situation vor Ort. Viele Menschen haben nach den dramatischen Erfahrungen mit ihren vielen Todesopfern die Stadt verlassen.

Nicht nur Wassertanks waren überwiegend zerschossen, auch die Klimaanlagen der Häuser waren demoliert. Bei unserem Besuch hatte es etwa 30 Grad Celsius - zwei Wochen zuvor war es noch heißer.


  
Einschusslöcher an vielen Häusern, zerstörte Stromleitungen.

Kurdische PolitikerInnen und ihre MitarbeiterInnen erklären uns ihre Sicht der Situation.































Für mich waren viele der Erfahrungen neu. Ich hatte keine Vorstellung davon, was man sich unter einer Ausgangssperre tatsächlich vorstellen muss. Als eine Frau erzählte, dass ihre Tochter erschossen wurde und sie nicht die Möglichkeit hatte das Haus zu verlassen und sie deshalb für zehn Tage in die Gefriertruhe gelegt hat, hatten wir alle Tränen in den Augen.


Beeindruckt hat mich besonders, dass alle unsere GesprächspartnerInnen zwar Trauer, aber keine Angst und auch keine Verbitterung oder Rachegefühle zeigten. Sicher, ich weiß nicht wie es in ihnen drin aussieht. Aber ausgedrückt haben sie den Wunsch nach Frieden, nach Sicherheit und Demokratie. Das sind die Kräfte, die wir stärken müssen. Ich hoffe unser Besuch konnte ein bisschen dazu beitragen, dass die Menschen vor Ort wissen, dass sie nicht allein sind und die Welt auf sie schaut. Es ist allen Menschen zu wünschen, dass die Situation nicht noch mehr eskaliert, sondern friedliche und freie Wahlen möglich sind, damit der Friedensprozess und die soziale Frage, die dahintersteht weitergehen können.

Auf unserer Rückfahrt kamen wir noch an einem jesidischen Flüchtlingslager vorbei: Hinter Stacheldraht wohnen Tausende Menschen in Zelten, fernab von der nächsten Stadt. Und auch wenn das Leben in der Region seinen Gang geht: Es war ein mehr als mulmiges Gefühl in Diyarbakir zu sehen, wie zwischen zivilen Airlinern ständig Rotten von Militärjets in den blauen Himmel Richtung Süden starten und mit lautem Gebrüll als kleine Punkte verschwinden.

Diese Delegationsreise ist von mir privat bezahlt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Kleinbei-Gebi macht auf Katastrophen-Tourismus.

Anonym hat gesagt…

Wirklich traurig :( Ich hoffe, dass ich die Situation dort bald verbessert. Danke für das Engagement und den Bericht!

Anonym hat gesagt…

Da Lokalpolitiker aus Tirol kaum glauben können, durch Besuche in der Türkei Einfluss auf die dortige Regierung nehmen zu können, muss angenommen werden, dass Mairs Reise in die Türkei wieder einmal dem reinen Privatvergnügen gedient hat. Macht ja nix. Der Steuerzahler wird schon blechen.

Anonym hat gesagt…

Ihnen ist aber schon klar, dass die EU derzeit der Türkei in den Hintern kriecht, um das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen. Derartige Katastrophen interessieren die EU nicht besonders. Die USA interessieren sich schon gar nicht dafür, weil sie die Türkei als Bollwerk gegen das "böse" Russland brauchen. Dass Sie sich dafür interessieren und die Reise selbst bezahlen, ist ja löblich. Lieber wäre mir allerdings, Sie und die Grünen würden sich etwas Grundlegendes einfallen lassen, um die Menschen zu integrieren , die aus solchen Regionen fliehen konnten und nun bei uns sind. Denken Sie nicht, dass es für die Menschen, die aus Syrien geflohen sind, nicht noch schlimmer war? Denken Sie nicht auch, dass es für diese Menschen bei uns nicht größerer Anstrengungen bedarf? Mit billigen Unterkünften und Minisicherung wird es nicht getan sein. Diese Probleme harren einer Lösung. Wir können nicht Schnittlauch auf allen Suppen sein sondern müssen uns um die Situation hier kümmern.

Anonym hat gesagt…

Gebi bleib dort, da kannst du deine Reden schwingen, bei uns glaubt den Madergrünen niemand mehr ein Wort.

Im übrigen Respekt vor Frau Regula Imhof. Wenigstens eine Grüne, die dem korrupten Schwarz-Grünen Treiben nicht mehr länger zuschauen will.

Anonym hat gesagt…

Mir erscheint das Thema zu ernst, als das Clowns wie Mair darüber schreiben.

Anonym hat gesagt…

Die Frau Imhof ist als Schweizerin eine derartige Packelei und unanständige Politik wie in Tirol nicht gewöhnt. Solch plumpe Interventionen wie bei uns werden in der Schweiz eher und schneller geahndet als bei uns. Und am Ende drohen dort evtl. auch noch der Staatsanwalt und das Gefängnis.

Anonym hat gesagt…

Dass sich hier einige drüber aufregen, der Hr. Mair würde da Tourist spielen kann ich nicht nachvollziehen. Ich vermute nämlich, dass die gleichen Leute es ok, finden, wenn die Effen in den Irak fahren und eh alles super finden dort.

Ich bin sehr froh darüber, dass es in österreich auch Leute (egal ob Journalisten oder Politiker gibt), die sich derarteige Konflikte etwas genauer anschauen u. darüber berichten.

Die offizielle Politik "vergisst" sowas zu gerne, weil man wichtige Eigeninteressen (z.b hotspots) nicht gefährden will. Und das auf Kosten einer unschuldigen Zivilbevölkerung.

Daher Danke für den Bericht. und weiter so !

LG aus Wien

Anonym hat gesagt…

Wenn wir bei der Zuwanderungspolitik noch länger auf die die Grünen oder andere Linke hören, werden wir in Österreich bald die gleichen Zustände haben wie in der Türkei. Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, die islamische Massenzuwanderung nach Europa wäre eine Bereicherung für uns?

Anonym hat gesagt…

Ich glaube, den aktuellen Ereignissen zufolge "spielt" die Politik in der Türkei ganz ohne Gebi Mair( In Tirol dem Anschein nach auch ohne Grüne).
Was will also unser Minijoschka (Herwigs "Schwein" ) ?

Anonym hat gesagt…

Ich würde Ihnen recht geben, wären nicht bereits andere vor Ort gewesen und gäbe es in Tirol nicht so einem Berg von Problemen. Anders als in Wien sind die Grünen bei uns ziemlich untätig und machen einen riesigen Kotau vor der ÖVP. Wir haben z. B. fast keine städtischen Wohnungen in Innsbruck und die höchsten Mieten in Österreich. Dazu kommen noch die niedrigen Löhne. Vor diesem. Hintergrund wird es schwer sein, Unterkünfte für Flüchtlinge zu finden. Denn anders als in Wien haben wir keinen aufrechten Bürgermeister, der Klartext redet. Ich könnte Ihnen viele Ursachen sagen, warum sich die Menschen hier aufregen. Außerdem existieren keine Integrationskonzepte für Asylberechtigte. Das sagen bei uns inzwischen bereits einige Grüne.

Anonym hat gesagt…

So weit müssen wir nicht schauen. Probleme gibt es bereits in Deutschland. Eine Bereicherung können jene Moslems sein, die integratiinswillig, gut ausgebildet und westlich orientiert sind. Jene also, die unsere Gesetze voll respektieren und und sich an die Verfassung halten. Die wären kein Problem. Derzeit wissen wir aber nicht, wer aus welchen Gründen kommt und wer wirklich ein Anrecht auf Asyl hat. Deshalb ist es nicht adäquat pauschal von "Bereicherung" zu sprechen. Eine derart undifferenzierte Betrachtung ist reine Ideologie.

Anonym hat gesagt…

Die Grünen "spielen" NGO. Warum? Gerade diese sind inzwischen ziemlich sauer auf "unsere" Grünen. (siehe Umweltschutz und Soziales!!!)

Anonym hat gesagt…

Die ganze Multikulti-, Asyl- und Zuwanderungsindustrie ist eine riesige Lobby und die Grünen sind integraler Bestandteil dieses Systems. Ihr Hass auf alles Europäische und Ihr Liebäugeln für den Islam bringt sie dazu, sich für eine islamische Massenzuwanderung stark zu machen. Aber diese Völkerwanderung wird jene Probleme, die für die islamische Welt so typisch sind, nicht lösen sondern nur zu uns verlagern. Und Mair und all die anderen Linken sollten sich schon mal eine gute Antwort auf die Frage überlegen, die man ihnen in einigen Jahren stellen wird: "Wusstet ihr nicht, wen ihr da zuwandern lässt?"

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