...schreiben. Dann ist der Unterschied nicht zu übersehen. Unten zwei Artikel, die innerhalb einer Woche in der Tiroler Tageszeitung erschienen sind. Beide beschäftigen sich mit Tiroler Randbezirken - Lienz und Reutte- und beiden mit dem Thema politische Repräsentation von Frauen. Die Unterschiede sind verblüffend.
Frauen lösen Männer ab
Einflussreiche Posten in Osttirols Verwaltung werden immer häufiger von Frauen besetzt. In der Politik ist die Weiblichkeit aber stark im Hintertreffen – mit wenigen Ausnahmen.
Von Catharina Oblasser
Lienz –
Wenn Männer gehen, kommen die Frauen. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Verwaltungslandschaft im Bezirk Lienz betrachtet: Langsam, aber sicher kommt Osttirol im 21. Jahrhundert an. Es begann 2009. Im Dezember ging das einflussreiche Amt der Lienzer Stadtamtsdirektion in weibliche Hände über, als Dunja Ladstätter den langjährigen Leiter Wolfgang Obernosterer ablöste.
Dann ging es im Jahrestakt weiter. Im Mai 2010 wurde Olga Reisner unter viel Aufsehen neue Bezirkshauptfrau von Lienz. Auch sie folgte auf einen Mann, nämlich Paul Wöll, der in den Ruhestand trat. 2011 verabschiedete sich ein weiterer wichtiger Beamter in die Pension: Bezirksschulinspektor Horst Hafele ging, Elisabeth Bachler kam. Knapp ein Jahr darauf, im Oktober 2012, setzte sich der Trend im Lienzer Bezirkskrankenhaus fort: Helene Brunner löste den langjährigen Verwaltungschef Gerhard Egger ab. Und im September 2013 erhielt auch das Osttiroler Arbeitsmarktservice eine weibliche Führung: Doris Batkowski übernahm die Leitung von Otmar Frena.
All diese Posten sind mit viel Verantwortung verbunden. So ist das Lienzer Krankenhaus der zweitgrößte Arbeitgeber in ganz Osttirol mit über 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Stadtamtsdirektorin Dunja Ladstätter wacht über mehr als 200 Gemeindebedienstete. Die Bezirkshauptfrau wiederum ist für über 100 Angestellte zuständig.
Geschenkt bekam keine der Frauen ihren Posten. Sie alle setzten sich gegen mehr oder weniger starke (männliche) Konkurrenz durch. Immer seltener zu hören sind inzwischen auch die halb-lustigen, halb-abfälligen Kommentare (von Männern) zu den neuen Chefinnen, wie etwa „Die Frauen übernehmen jetzt die Macht in Osttirol“. Wobei „Frauen“ manchmal durch ein weniger schmeichelhaftes Wort ersetzt wurde.
Der Trend zu mehr Ausgeglichenheit der Geschlechter ist allerdings noch nicht sehr weit in die Osttiroler Politik vorgedrungen. Elisabeth Blanik (SPÖ), die ihrem VP-Kontrahenten das Amt abnahm, ist seit 2011 Bürgermeisterin von Lienz. Mit Martina Klaunzer in Gaimberg gibt es eine einzige ÖVP-Bürgermeisterin. Abgesehen davon sind die schwarzen Führungspositionen, etwa der Bünde, alle in Männerhand – mit Ausnahme des Frauenbundes, dessen Leiterin per definitionem eine Frau sein muss. In der Volkspartei ist eher eine Bewegung in die Gegenrichtung zu bemerken: Erst unlängst haben es die Schwarzen geschafft, die sehr ambitionierte Silke Steiner zu vergraulen.
Die FPÖ tritt mit ihrer weiblichen Seite, so sie eine hat, überhaupt nie in Erscheinung. Und auch die Grünen, die rein ideologisch einen gewissen Frauenanteil erwarten lassen, schicken nie eine Frau ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Obwohl kein Zweifel daran herrscht, dass in den genannten Parteien viele Frauen mitarbeiten.
Dabei zeigt gerade das Beispiel von Elisabeth Blanik, wozu Frauen in der Politik fähig sind – sogar in einem so konservativ geprägten Bezirk wie Osttirol. Ob Zufall oder nicht, jedenfalls hat Blanik nicht nur das Bürgermeisteramt für sich erobert, sondern für ihre Partei auch bei anderen Wahlen Siege über die ÖVP erkämpft. In Lienz wählten sowohl bei der Landtagswahl als auch bei der Nationalratswahl mehr Menschen Rot als Schwarz. Das ist einmalig in der Geschichte der Stadt.
Politik im Bezirk Reutte kommt ohne Mannsbilder aus
Männlich, an politischen Ämtern interessiert – wer dieses Profil aufweist, sollte den Bezirk Reutte meiden. Alle wichtigen Posten sind inzwischen von Frauen besetzt. Gerade die Volkspartei ist feminin geworden.
Von Helmut Mittermayr
Reutte –
Lautgewaltige Männer mit erhobenen Fäusten, harte Gesichter in einer maskulin determinierten Welt – wer sich Politik metaphorisch in Putinscher „Bösheit“ ausmalt, der kommt im Bezirk Reutte aus dem Staunen nicht mehr heraus. Diese Ecke Tirols bastelt zwar gerade noch nicht am Matriarchat, politisch wichtige Positionen werden inzwischen aber ausnahmslos von Frauen eingenommen. Nur von Frauen. Eine wahrscheinlich österreichweite Besonderheit.
Dass es überhaupt so weit kommen konnte, dafür zeichnet vor allem eine Partei verantwortlich. Obwohl konservativ daherkommend, tritt sie längt alles andere als traditionell männlich auf. Die ÖVP Außerfern zeigt sich ladylike. Virile Mannhaftigkeit scheint geradezu ein K.o.-Kriterium zu sein, um an Schaltstellen zu gelangen. Allein femininer Habitus führt zur politischen Gestaltungsmacht. Alle seit längerer Zeit neu zu vergebenden Spitzenpositionen werden von Frauen eingenommen.
Die Volkspartei im Außerfern wird seit eineinhalb Jahren von einer Frau angeführt. Sonja Ledl-Rossmann übernahm nach internem Machtkampf die Parteiführung vom Elmer Bürgermeister und damaligen Landtagsabgeordneten Heiner Ginther. Die Wänglerin war schon Frauenchefin der ÖVP Tirol und ist derzeit hauptberuflich als Bundesrätin in Wien tätig. Ihr größter Gegner bei der Landtagswahl 2013 war – wie könnte es im Außerfern anders sein – eine Frau. Anna Hosp mischte den Bezirk Reutte mit Vorwärts Tirol auf, ist politisch seither aber kaltgestellt und ohne Amt. Dass Frauen in letzter Zeit in politisch relevante Positionen kommen, dürfte vor allem die Handschrift von Sonja Ledl-Rossmann tragen.
Die Betriebswirtin Liesi Pfurtscheller wurde kürzlich auf einem eigenen Parteitag mit 98 Prozent zur neuen Frauenchefin der ÖVP Tirol gewählt. Die Reuttener Gemeinderätin schaffte bei der Nationalratswahl am 29. September 2013 die Rückeroberung des VP-Grundmandates im Oberland und sitzt seither in Wien im Parlament.
Auch der Tiroler Landtag muss nicht ohne eine Außerferner Abgeordnete auskommen. Die Lermooser Bürgermeisterin Maria Zwölfer kam über die Landesliste von Vorwärts Tirol hinein. Damit sind alle politischen Ämter im Bezirk Reutte, die über den Fernpass hinausreichen, von Frauen besetzt. Nur in die Landesregierung hat es niemand geschafft. Oder doch? Die aus dem Bezirk Kitzbühel stammende Beate Palfrader, Lebensgefährtin des Elmer Bürgermeisters Ginther, wird als „heimliche Landesrätin“ des Außerferns bezeichnet. Was ihre zeitliche Anwesenheit im Bezirk betrifft, ist diese Zuspitzung fast zulässig.
Zwar nicht direkt parteipolitisch, aber doch politiknah ist die Funktion des Bezirkshauptmannes, pardon, der Bezirkshauptfrau. Katharina Rumpf, die für die ÖVP 2008 als Nationalrätin kandidiert hatte, wurde dieser Tage für weitere fünf Jahre als Chefin der Bezirkshauptmannschaft Reutte bestätigt.
Der Vorstand der Außerferner Volkspartei erlebt seit Monaten eine Metamorphose hin zum Femininen. Der Parteichefin Ledl-Rossmann stand bisher die Bezirksfrauenchefin Pfurtscheller zur Seite. Durch ihre Wahl zur Landesfrauenchefin wird die Bezirksleitung vakant. Ihr soll nun Carmen Strigl-Petz aus Vils nachfolgen. Pfurtscheller bleibt aber auch im Vorstand. Der Seniorenbund der Bezirks-ÖVP wird seit Jahren von der Ehrwalderin Monika Kronspieß angeführt. Eine in der Volkspartei gewichtige Teilorganisation, der Arbeiter- und Angestelltenbund (AAB), kam letzte Woche ebenfalls in Frauenhand. Jungbauernobfrau Jennifer Ginther aus Vorderhornbach wurde zur geschäftsführenden AAB-Bezirksobfrau bestellt. Nur Bauern- und Wirtschaftsbund sind – noch – männlich.
Bei den Grünen fast erwartbar: Mit der Reuttener Tierärztin Barbara Brejla steht eine Frau an der Spitze der Bezirksorganisation.